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Ramon Puig Cujas & Edda Henschel bei Hilde Leiss

Mar 1st, 18:38 - Permalink

Ramon Puig Cuyas bei Hilde Leiss 28.2.2020 Oratio by Dr.Rüdiger Matthias Joppien

" Liebe Freunde der Galerie, liebe Frau Henschel, lieber Ramon, liebe Hilde!

fünf Tage nach der Bürgerschaftswahl können wir sagen: es bleibt alles beim Alten, das Modell Hamburg wird weitergehen. Tradition und Kontinuität leben fort.

Ähnlich könnte man die Situation der Galerie Leiss beschreiben, die im letzten September ihr 40-jähriges Jubiläum feierte. Ich hoffe, liebe Anwesende, Sie sind alle dabei gewesen und haben mitgefeiert.

Es ist ja keineswegs alltäglich, dass eine Galerie für angewandte Kunst, in Hamburg allemal, 40 Jahre alt wird. Ich höre gelegentlich das Bedauern, Hamburg sei keine Kunststadt mehr. Ein befreundeter Galerist sagte mir, die Leute kommen an den Wochenenden nicht mehr, um große Ausstellungen zu sehen, sondern um Musicals zu besuchen. Das spüren die Galeristen schmerzlich.

Zum Glück ist der Besuch in der Galerie Hilde Leiss ungebrochen. Warum ist das so? Wer sich umschaut, weiß kaum wo er sich befindet: in einem Feenreich, einem Zaubergarten, einem Modesalon, einem Labor oder Werksstattbetrieb für angewandte Künste, einem Bergwerk, in dessen Tiefe die schönsten Kristalle blühen, an einem Ort, wie es ihn kein zweites Mal in Hamburg gibt, im Schatten des Rathauses und der Handelskammer. Ein zartes, aber robustes Pflänzchen am Rande des Politik-, Finanz- und Kommerzviertels, in dem zu allen Leid nun schon seit Jahren irgendwie permanent gebaut wird.

Kontinuität, die ich anfangs ansprach, bedeutet nicht nur Aushalten am Platze, sondern auch Standhaftigkeit und Loyalität. Damit meine ich vor allem die Treue der Galerie gegenüber ihren Künstlern und Kunden.

Heute Abend präsentiert Hilde Leiss zwei Ausstellungen: zum einen, Schmuckarbeiten von Ramon Puig Cuyas aus Barcelona, und zum anderen, Kreationen aus dem Ei von Edda Henschel aus Hamburg. Beide Künstler sind anwesend, beide arbeiten seit mehr als 30 Jahren mit der Galerie zusammen. Die Premieren ihrer Ausstellungen fanden noch in der alten Galerie in der Koppel 66 statt.

Edda Henschel war ursprünglich Ausstellerin bei Dirk Rose, Hildes damaligem Partner. Dann nahm Dirk Rose Edda Henschel an den Großen Burstah mit, wo sie seitdem pünktlich zur Osterzeit ausgestellt und ihre „Welt aus dem Ei“ präsentiert hat. Seitdem Hilde Leiss die Galerie Rose übernommen hat, stellt Edda Henschel nun bei Hilde aus.

Ich denke,- ich kann es mir gar nicht anders vorstellen – alle von Ihnen sind Fans und Bewunderer von Edda Henschel und ihren Miniaturen. Edda Henschels meisterhafte Umsetzung ihrer grenzenlosen Phantasie begeistert jedes Mal aufs Neue. Figurenreiche Szenen aus dem Alltagsleben, aus der Welt der Religion (mit Adam und Eva im Paradies) oder der Mythologie, überraschen uns immer wieder mit humorvollen, gelegentlich surrealen Darstellungen: z.B. den zwei Schimpansen beim Schachspiel in einer Dschungellaube, während sich eine Schlange und eine Giftspinne bedrohlich nähern, oder dem Zirkuszelt, in dem ein Dompteur seine Kunststücke vorführt, oder einer Friedhofsszene mit einem Trauerfall, der Predigt des Pfarrers, der Grabpflege durch den Friedhofsgärtner, während in der Mitte eines langsam bröckelnden Pavillons ein steinerner Engel Wache hält. Aus all den Werken sprechen Humor und Witz, aber auch Gelassenheit und eine Portion großer Weisheit. Das alles müssen Sie sich, meine Damen und Herren, unbedingt selbst anschauen; eine verbale Beschreibung bleibt hinter der physischen Präsenz der kleinen Figuren, in ihren zerbrechlichen Gehäuse weit zurück.

Einige der genannten Eigenschaften, Humor, Gelassenheit, Weisheit möchte ich auch für die Werke von Ramon Puig Cuyas in Anspruch nehmen. �Auch Ramon hat in Hildes Galerie mehrfach ausgestellt, das letzte Mal im Jahr 2015. Nun ist er heute ein weiteres Mal nach Hamburg gekommen.

Dass Hilde Ramon nun schon seit über dreißig Jahren die Treue gehalten hat, liegt zum einen auch daran, dass Hilde seit ihrer Frühzeit, als sie eine Zeit lang in Barcelona und auf Mallorca lebte, eine besondere Liebe zu Spanien hegt. Gestern gestand sie mir verschmitzt: „Wenn ich früher hätte heiraten sollen, hätte ich einen spanischen Mann geheiratet.“ Hat sie dann doch nicht, und heute ist sie ja auch mit ihrem Wolfgang sehr glücklich.

Ramon ist dem Pass nach Spanier, aber im Herzen Katalane. Er stammt aus einer ur-katalanischen Familie und wuchs am Rand des Mittelmeers auf. Kultureller Bezugspunkt war für die Familie war immer Barcelona, was man auch merkt, wenn man mit Ramon durch Barcelona, über die Ramblas oder durch das Barrio Gothico schlendert; hier kennt er jeden Stein. Von 1977 bis 2017, also 40 Jahrelang, war Ramon Professor für Schmuckkunst an der berühmten Escola Massana, mitten im Herzen der Stadt. Mit seinen Studenten unternahm er oft archäologische und literarische Streifzüge durch die Stadt, denn in Barcelona ist Kultur eine ganzheitliche Angelegenheit. Sie umfasst Architektur, Volkstum, Theater, Musik, Kunst, aber auch ein starkes politisches Bewusstsein, das in Opposition zur Übermacht Kastiliens steht. Schmuck in Barcelona ist ohne solche Einflüsse kaum zu denken; das kleine Format der Brosche, das Ramon bevorzugt, fungiert als Spiegelbild unzähliger Erfahrungen, ist Niederschlag eines Lebensgefühls, und fungiert darüber hinaus als ein objekthaftes Tagebuch, in dem Träume ebenso gegenwärtig sind wie die vom Meer angeschwemmten Fundstücke am Strand.
Ramon hat zwei erfolgreiche Söhne und eine nicht minder erfolgreiche Frau, die ebenfalls Goldschmiedin von Beruf ist und wie Ramon in der Welt des internationalen Schmucks einen bekannten Namen hat: Silvia Waltz. Sie ist von Geburt Deutsche und kam einst als Studentin an die Massana. Heute nach Ramons altersbedingten Ausscheiden aus dem Schuldienst lebt das Ehepaar Puig am Rande der Stadt Tarragona in einem Haus inmitten eines grünen Biotops, wo Silvia einen Garten mit Orangenbäumchen, Erdbeersträuchern und Zucchinipflanzen pflegt und Ramon eine stattliche Kakteensammlung kultiviert. So leben beide in enger Verbindung mit der Natur. Ein Teil ihres Hauses ist ein runder Turm, aus dessen oberstem Raum der Blick weit über das Mittelmeer hinausgeht. Dieser Umstand war für beide wichtig, denn sie lieben das Meer, und dieses hat großen Anteil an ihrem Werk.

Als ich Ramon vor knapp 30 Jahren kennenlernte, erzählte er mir, dass er seine Sommerferien mit der Familie gern auf dem Segelboot verbringe, und dann zwischen Barcelona und Soller auf Mallorca hin- und her schippere. Seinen damals noch kleinen Söhnen erläuterte er auf diesen Turns den Nachthimmel, unterwies sie in der Sternenkunde oder nahm sie auf Tauchgängen mit,- Aktivitäten, die sich auch in der Bildwelt seiner Broschen niederschlugen. Ramons Oeuvrekatalog, der im letzten Oktober erschien und hier bei Hilde ausliegt - und erworben werden kann-, erfasst diese frühen Arbeiten, Werke von großer Zartheit und Poesie mit piktogrammatischen Zeichen von Himmelskörpern, Wellen, Fischen, Seesternen, Korallen oder Pflanzen, die von den kosmischen Beobachtungen und den nautischen Erfahrungen des Künstlers berichten. Manche von ihnen erinnerten an die heitere Welt eines Joan Miró.
Schon in seinen frühen Arbeiten bekundete Ramon eine Vorliebe für thematisch zusammenhängende Werkgruppen und damit seine Lust, Phänomene seiner Umgebung, das Leben von Objekten einzufangen. Auch in dieser Hinsicht boten ihm Meer und Strand viele Entdeckungen, wenn er dort Fundstücke aus Holz, Plastik, oder Scherben sammelte. Heute erinnert sich Ramon und sagt: „I was a beachboy“. Immer noch verarbeitet er in seinen Broschen gerne Muscheln und Steine, die eine bestimmte Materialität oder Farbe aufweisen.
Über die Jahre wurden Ramons Broschen architektonischer. Rechtwinklige, konstruktive Bauteile nehmen zu, mit einer Grundfläche, über der sich eine weitere Ebene oder eine Stufe erheben. Die Flächen nutzt Ramon gerne für eine graphische oder malerische Behandlung, indem er diese mit Linienwerk, Ovalen oder Kreisen, oder auch mit stilisierten Pflanzenteilen dekoriert. Ramon hatte ursprünglich den Wunsch gehabt, Maler zu werden, sich aber als Student der Escola Massana eines Tages in der Goldschmiedeklasse wiedergefunden. Doch die Liebe zur Malerei blieb immer spürbar in seinem Werk. Ein Anlass, diese wieder aktiver in sein Schmuckwerk einzubringen, erfuhr Ramon 2014, als er in Erfurt an einem Emailworkshop teilnahm und für sich eine Form von Emailmalerei entdeckte, die, anders als der übliche Farbüberzug über Metall, aus einer neuartigen Aquarelliertechnik bestand. Damit ließ sich viel freier, kalligraphischer arbeiten, und Ramon setzte die neue Technik in vielen Landschaftsimpressionen um.
Auf dem Weg nach Erfurt hatte Ramona auch Dresden besucht. Bei der Besichtigung der Altstadt kam er an vielen weißen Neubauten und daneben ausgeschachteten Grundstücken vorbei, auf deren Boden er noch die Spuren früherer Mauern erkannte: Zeugnisse von Häusern, die in einer einzigen Bombennacht im Februar 1945 zerstört worden waren: für Ramon eine verstörende Entdeckung, die ihm die plötzliche, sich von einem Moment zum nächsten vollziehende Nemesis menschlichen Existenz vor Augen führte. Die nebenan errichteten Neubauten hatten die Geschichte einfach überbaut und so den Bruch im Ablauf der Generationen überdeckt. Ramon, ein Verehrer des italienischen Romanciers Italo Calvino, fühlte sich an dessen „Unsichtbare Städte“ erinnert und beschloss, den einst existierenden Häusern Dresdens eine Folge von Broschen zu widmen und so Unsichtbares wieder sichtbar zu machen.
Mit der neuen Emailtechnik war Ramon in der Lage, die Farbigkeit seiner Stücke selbst in die Hand zu nehmen. In früheren Werken hatte Ramon auf die natürliche Farbe von Fundstücken oder die farbigen Oberflächen mit einbezogener Plastikteile gebaut, nun ließ sich freier gestalten.
Damit sind wir bei der heutigen Ausstellung angekommen. In ihr sehen wir nicht mehr den heiter verspielten Ramon der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, sondern einen gereiften Künstler, der sich zu einer konstruktiv geometrisch arbeitenden Persönlichkeit gewandelt hat, in dessen Werk kastenförmige Bauten und Grundrisse inzwischen eine größere Bedeutung angenommen haben, der mit seinen Broschen kleine Architekturen mit eingezogenen Ebenen schafft, deren farbige Flächen gemusterte Fußböden, assoziieren und an Mosaikfelder denken lassen, - eine Assoziation, die angesichts der Denkmäler der römischen Kultur in Spanien vielleicht nicht ganz abwegig ist. Immerhin liegt das Haus von Ramon und Silvia nur 7 km vom Stadtkern Tarragonas entfernt, einer Stadt, die zeitweilig Hauptstadt des römischen Reiches in Spaniens war und deren antike Bauten erst heute allmählich wieder zum Vorschein kommen.

Um Relikte der Vergangenheit geht es auch bei den drei Broschen in dieser Ausstellung, die eine kleine goldene Fläche einschließen. Diese sind Scherben eines goldbemalten Porzellans, eines Milchkrugs, der einst zu Silvias Familienerbe gehörte. Eines Tages war der Krug kaputt, ob mit Absicht als Akt künstlerischer Aneignung, oder rein zufällig, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gab es viele Scherben, die weiterverarbeitet werden mussten. Auch Scherben sind Teil des Ganzen und haben ein Anrecht auf weitere Existenz, besonders wenn sie so schön golden glänzen.
Ramon bereitet seine z. T. komplex gebauten Schmuckstücke gerne mit einer Anzahl zeichnerischer Entwürfe vor. Auch hatte er lange Zeit die Angewohnheit, für jedes Schmuckstück ein kleines Kästchen zu bauen und dessen Oberfläche zur Identifizierung mit einer farbigen Umrisszeichnung des darin aufbewahrten Schmuckstücks zu versehen.

Inzwischen ist Ramon dazu übergegangen, seine Schmuckstücke in quadratischen Rahmen zu präsentieren und in der hier gezeigten Art und Weise auszustellen. Der Rahmen verzeichnet die Signatur und das Datum der Entstehung, außerdem die seit 1998 eingeführte Modellnummer, sowie den Namen eines von Ramon verehrten Künstlers, Literaten oder Philosophen. Der Name dessen, dem die Widmung gilt, ist auch auf der Rückseite des Schmuckstücks eingeritzt. Eine der zwei auf der Einladung gezeigten Broschen ist dem chinesischen, heute in Frankreich lebenden Schriftsteller und Nobelpreisträger Gao Xing Jian gewidmet, ein Indiz der Belesenheit Ramons. Als ich gestern zu einer ersten Besichtigung der Stücke vorbeischaute, erfuhr ich, dass eine anonyme Kundin die Brosche bereits am Telefon erworben hatte.

Ramon Puig Cuyas ist heute eine der bekanntesten Autoritäten für Autoren-Schmuck in der Welt, einer, der auf allen Kontenenten ausgestellt hat, und dessen Werke in unzähligen Museen der Welt vertreten sind, auch im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Bei der Neudefinition von Künstlerschmuck in den 1970er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hat er von Barcelona aus maßgebliche Anregungen vermittelt. Seine Botschaft war und ist heute noch immer sehr klar und eindeutig, mit ihr bekennt er sich zu Poesie und Schönheit. "

Edda Henschel mal kurz beleuchtet.....

Die Passanten, die an der Galerie Hilde Leiss im Großen Burstah vorbeiflanieren, staunen nicht schlecht: Die ganze Welt in einem Hühnerei tut sich da vor ihnen auf. Die Hamburger Designerin und Möbelbauerin Edda Henschel (58) schuf diese hinreißenden Szenerien en miniature - ungefähr sechzig an der Zahl - und präsentiert sie in einem Schaufenster der Galerie. Das hübsche Arrangement kommt zu Ostern gerade recht. Zwischen fünfzig und zweihundert Euro kosten die kleinen Kunstwerke. Und an vielen von ihnen klebt schon der 'besagte' rote Punkt: verkauft. Entstanden sind die schillernd-bunten Miniaturen, die an die Tradition des Dioramas anknüpfen, aus einer Freizeitlaune heraus, erklärt Edda Henschel. Doch dann sei die Beschäftigung mit dem Hühnerei ihr nach und nach zur Passion geworden. "Das ist meine Art, Geschichten zu erzählen", meint die Künstlerin. Große Präzision, viel Geduld und ruhige Hände sind nötig, um die fragilen Eierschalen mit einer Bohrmaschine sorgfältig auszufräsen. Die Eier werden innen und außen mit Aquarellfarben bemalt. Und dann ist die Bühne gewissermaßen frei fürs große Spiel. Und Edda Henschels Phantasie ist fast grenzenlos. Da kreierte sie Südseeträume unter Palmen und sommerliches Strandleben auf Sylt, Kletterpartien in den Alpen und Kamelritte durch die Wüste. Die Loreley kämmt auf einem Felsen ihr goldenes Haar, und ein dreister Tourist rückt ihr mit der Kamera auf den Leib. Undine, halb Frau, halb Fisch, gleitet verführerisch in türkisblaue Fluten. Tarzan lässt im Urwald die Muskeln spielen, und King-Kong stemmt seine weibliche Trophäe hoch in die Luft. Die Natur enthüllt all ihre Reize, vom Frühlingserwachen bis zum weihnachtlichen Winterwald. Frivol geben sich die Tänzerinnen in den Folies Bergères. Und nicht aus der Ruhe zu bringen sind die Maler vom Pariser Montmartre. Schließlich sind - man traut seinen Augen kaum - sogar Adam und Eva mit von der Partie, nackt unterm verhängnisvollen Apfelbaum; und die Schlange hat schon fast ihr Spiel gewonnen.

Ein, oft sogar zwei Tage konzentrierten Arbeitens sind nötig, um ein Hühnerei in eine Bühne zu verwandeln, auf der das Leben spielt. Und ein riesiger Fundus an Materialien, schließlich ist Edda Henschel auch ihre eigene Bühnenbildnerin. "Und die Ideen", sagt sie, "die kommen dann ganz von selbst." Bis 22. April heißt es bei Hilde Leiss "Vorhang auf für die Welt im Hühnerei."

Wir freuen uns schon auf Ihren Besuch!

Wolf Keller
Facilitator