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Ei,Ei,die Welt im Ei bei Hilde Leiss

Mar 5th, 16:28 - Permalink

Die Passanten, die an der Galerie Hilde Leiss im Großen Burstah vorbeiflanieren, staunen nicht schlecht: Die ganze Welt in einem Hühnerei tut sich da vor ihnen auf. Die Hamburger Designerin und Möbelbauerin Edda Henschel (58) schuf diese hinreißenden Szenerien en miniature - ungefähr sechzig an der Zahl - und präsentiert sie in einem Schaufenster der Galerie. Das hübsche Arrangement kommt zu Ostern gerade recht. Zwischen fünfzig und zweihundert Mark kosten die kleinen Kunstwerke. Und an vielen von ihnen klebt schon der 'besagte' rote Punkt: verkauft. Entstanden sind die schillernd-bunten Miniaturen, die an die Tradition des Dioramas anknüpfen, aus einer Freizeitlaune heraus, erklärt Edda Henschel. Doch dann sei die Beschäftigung mit dem Hühnerei ihr nach und nach zur Passion geworden. "Das ist meine Art, Geschichten zu erzählen", meint die Künstlerin. Große Präzision, viel Geduld und ruhige Hände sind nötig, um die fragilen Eierschalen mit einer Bohrmaschine sorgfältig auszufräsen. Die Eier werden innen und außen mit Aquarellfarben bemalt. Und dann ist die Bühne gewissermaßen frei fürs große Spiel. Und Edda Henschels Phantasie ist fast grenzenlos. Da kreierte sie Südseeträume unter Palmen und sommerliches Strandleben auf Sylt, Kletterpartien in den Alpen und Kamelritte durch die Wüste. Die Loreley kämmt auf einem Felsen ihr goldenes Haar, und ein dreister Tourist rückt ihr mit der Kamera auf den Leib. Undine, halb Frau, halb Fisch, gleitet verführerisch in türkisblaue Fluten. Tarzan lässt im Urwald die Muskeln spielen, und King-Kong stemmt seine weibliche Trophäe hoch in die Luft. Die Natur enthüllt all ihre Reize, vom Frühlingserwachen bis zum weihnachtlichen Winterwald. Frivol geben sich die Tänzerinnen in den Folies Bergères. Und nicht aus der Ruhe zu bringen sind die Maler vom Pariser Montmartre. Schließlich sind - man traut seinen Augen kaum - sogar Adam und Eva mit von der Partie, nackt unterm verhängnisvollen Apfelbaum; und die Schlange hat schon fast ihr Spiel gewonnen.

Ein, oft sogar zwei Tage konzentrierten Arbeitens sind nötig, um ein Hühnerei in eine Bühne zu verwandeln, auf der das Leben spielt. Und ein riesiger Fundus an Materialien, schließlich ist Edda Henschel auch ihre eigene Bühnenbildnerin. "Und die Ideen", sagt sie, "die kommen dann ganz von selbst." Bis 22. April heißt es bei Hilde Leiss "Vorhang auf für die Welt im Hühnerei."

Wolf Keller
Facilitator