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" Mutter Ey von Hamburg "... die Galeristin Hilde Leiss

Nov 10th, 16:50 - Permalink

Die Mutter Ey von Hamburg

" 1988 zog Hilde Leiss mit ihrer Galerie und Schmuckwerkstatt vom Künstlerhaus Koppel 66 in ein historisches Kontorhaus nahe dem Hamburger Rathaus. Hier, im Großen Burstah 38, wurde die Schmuckgestalterin und Galeristin zu einer Institution für Autorenschmuck und angewandte Kunst in Hamburg.

Seit 2016 ist die Galerie von Hilde Leiss ( Link Text )wieder frei zugänglich – nach fast 10 Jahren, in denen Nachbargrundstücke bebaut und die Straßenführung geändert wurde. Ein Gerüst hatte lange Zeit die Fassade des Hauses verdeckt. Manchmal erkämpfte sich in dieser Zeit der großen Baustelle ein Tourist den Zugang zur Galerie durch einen schmalen Korridor, um beim Eintritt in die Galerie auszurufen: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas in Hamburg gibt.“ Die Galerie ist in der Innenstadt die letzte Bastion für Autorenschmuck und angewandte Kunst der Gegenwart. Die Tage, da Hamburg mehrere solcher Adressen, wie die Galerie L, das Rosenthal Studiohaus oder die Galerie Wohnen besaß, sind lange her. Als Hilde Leiss 1981 mit ihrer Kollegin Gudrun Maaß im Künstlerzentrum „Koppel 66“ im Stadtteil St. Georg eine Schmuckwerkstatt mit Galerie eröffnete, hätte sie nicht ahnen können, dass diese einmal auf ein fast vierzigjähriges Jubiläum zusteuern würde.

1988 zog sie mit dem Galeristen Dirk Rose in das alte Kontorhaus von 1883 am Großen Burstah. Nicht nur der Hauseingang mit seinen Stuckreliefs entzückte sie, sondern auch die Großzügigkeit der Räume, in denen bei der Restaurierung alte, gusseiserne Stützen zutage traten. Durch die Fenster blickt man hinaus zum Fleet, wo auf einer Rampe die Hochbahn ihre Bahnen zieht und, aus einer Kurve kommend, gerade an dieser Stelle ratternd in den Rasthaustunnel fährt – die Symphonie einer Großstadt. Der große offene Raum neben der Werkstatt mit einem Flügel in der Mitte wurde für Aufführungen, Lesungen und Konzerte bestimmt. Hilde Leiss nutzt den Raum aber auch zur Bewirtung, wenn sie Künstler und Sammler einlädt. Aus Kunden sind über Jahre Freunde geworden, die die Galerie als Treffpunkt schätzen. Dass Hilde Leiss für ihre Gäste selber kocht, gibt ihren Veranstaltungen eine besondere Note. Hier fand im Dezember 2002, begleitet von einem köstlichen Büffet, auch die Gründungsversammlung des „Hammer-Clubs“ statt, einer Vereinigung aus internationalen Silberschmieden und Freunden dieser Handwerkskunst.

Der Archäologe und ehemalige Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, Wilhelm Hornbostel, nannte Hilde Leiss einmal, in Anspielung auf die legendäre Düsseldorfer Galeristin und Förderin moderner Malerei, die „Mutter Ey von Hamburg“. Hilde Leiss ist dafür bekannt, dass sie auch jungen KunsthandwerkerInnen eine Chance gibt, indem sie diese in ihre Sonderausstellungen einbezieht oder im Galerieangebot präsentiert. Aber nicht nur „angewandte“ Künstler dürfen auf einen Anschub hoffen, auch privat ist sie eine aktive Sammlerin moderner gegenständlicher Malerei und Graphik.

Hilde Leiss wurde 1949 in Walsrode geboren und machte zunächst eine Lehre als Köchin. Der Beruf lehrte sie, sich zu organisieren und ungewöhnliche Wege zu gehen. Erfahrungen sammelte sie auf Wanderjahren im In- und Ausland, u.a. in London, auf Mallorca und in den USA, bevor sie 1971 den Entschluss fasste, eine Goldschmiedelehre zu absolvieren. Von 1971 bis 1978 studierte sie in Pforzheim an der Goldschmiedeschule und bei Prof. Klaus Ullrich an der Fachhochschule. Ihre Meisterprüfung legte sie ein Jahr später ab. Es war die Zeit, in der die zeitgenössische Gold- und Silberschmiedekunst zwar noch von Männern dominiert wurde aber schon viele junge Frauen in ihren Bann zog.

Heute führt Hilde Leiss neben der Galerie die wohl bekannteste moderne Schmuckwerkstatt der Stadt, in der sie seit ihrem Bestehen 40 Lehrlinge ausgebildet hat. In den Arbeiten nach eigenen Entwürfen überwiegen große Formen aus Silber, die sie mit farbigen Steinen und Naturmaterialien wie Koralle kombiniert. Dass Farbakzente für sie wesentlich sind, demonstrierte sie einst mit einer Kollektion silberner Broschen mit geschliffenem, transparentem Buntglas. Außer den Arbeiten aus eigener Produktion und Werken anderer SchmuckkünstlerInnen zeigt die Galerie ein breites Sortiment von Kleidern, Hüten und Taschen, Holz- und Lackarbeiten, Keramik, Glas, aber auch pfiffige Designobjekte. Im benachbarten ehemaligen Galerieraum, den Hilde Leiss 2015 von Dirk Rose übernommen hat, hängen heute Gemälde, Graphiken und Photographien. Und hin und wieder steigt in den Räumen auch eine Modenschau.

Unter den von der Galerie vertretenen GestalterInnen stammen viele aus Hamburg oder Norddeutschland. Seit Jahren hält Hilde ihnen die Treue. Die Keramikerinnen Brigitte Morck-Heller und Elke Martens gehören seit Anbeginn zur Galerie. Hilde entdeckte den Keramiker Martin Mindermann und machte den tschechischen Glaskünstler Jan Adam bekannt. 1998 konnte der Hamburger Silberschmied Jan Wege im Anschluss an sein Studium mit seinen Gefäßen erste Beweise seines Könnens vorstellen. Früh zeigte Hilde Leiss auch Strickmodelle der in Celle lebenden finnischen Textilkünstlerin Kristina Karinen und verhalf der Hamburger Modemacherin Elke Walter zu neuer Aktualität. Mit Aktivitäten dieser Art bekundete sie ihre Solidarität mit der Szene der norddeutschen Region.

Daneben veranstaltet die Galerie aber auch regelmäßig Ausstellungen auswärtiger GestalterInnen. Dass Hilde Leiss den Drechsler Ernst Gamperl bereits 1995 ausstellte, unterstreicht ihr Gespür für Talente. Viele Schmuckkünstler konnte sie erstmals in Deutschland zeigen, wie etwa Tone Vigeland oder Eva Eisler. Sie begeisterte sich für Jacqueline Ryan, Giovanni Corvaja, Ramon Puig Cuyas oder Yasuki Hiramatsu – Schmuckkünstler, die gerne mit Edelmetall und teilweise mit Email arbeiten. Michael Becker mit seinen Lapislazuli-Halsketten und Broschen schätzt sie ebenso wie Sam Tho Duong, der an Naturgebilde erinnernde Schmuckstücke mit winzigen Reiskornperlen schafft. Wichtig ist ihr aber auch, das Publikum mit den Broschen aus farbig pigmentiertem Stahlblech von Mirjam Hiller oder den aus Macrolonfolie gefertigten Arbeiten von Svenja John vertraut zu machen. Viele Jahre vertrat Hilde Leiss auch erfolgreich den Schmuck aus Papier der vor einigen Jahren verstorbenen Niederländerin Nel Linssen, die eine gute Freundin wurde. Auch hochwertiger Modeschmuck gehört zum Sortiment der Galerie, Werke etwa der Dänen Gerda und Nikolaus Monies, der Deutschen Camilla Prasch, die Kunststoffplättchen verarbeitet, oder der Schwestern Sent aus Murano, die in der Tradition venezianischer Glaskunst stehen. Auf diese Weise demonstriert die Galerie Vielfalt und Breite der Gestaltung, um so Menschen unserer Zeit anzusprechen. Hilde Leiss möchte Menschen Schmuck nahebringen, sie ermuntern, etwas zu wagen und Gefallen an der künstlerischen Arbeit und an sich selbst zu finden. Dabei ist Erlesenes ebenso gültig wie Ephemeres, wenn die Gestaltqualität es rechtfertigt.

Als die Bauarbeiten in der Straße zunahmen und den Galeriebetrieb nahezu lahm legten, präsentierte Hilde Leiss zusammen mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang Keller Schmuck auf Kreuzfahrtschiffen und gab dort Einführungskurse in der Schmuckgestaltung. Dadurch sprach sie Menschen an, die im normalen Leben mit zeitgenössischem Schmuck wenig in Berührung kommen. Hilde Leiss sieht sich als eine Botschafterin, sie möchte Menschen das Gefühl geben, gut gestalteten und künstlerischen Schmuck mit Selbstverständlichkeit zu tragen. „Dafür ist es nie zu spät“, ist sie fest überzeugt. „Denn man sollte nie aufhören, sich begeistern zu lassen.“