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Hildes Fest - Die Galerie Hilde Leiss

Jan 4th 2009, 12:45 - Permalink

Frühling & Herbstausstellungen

Die Kunsthistorikerin Anja Wiederspohn anläßlich der Verleihung des Karl-Schneider Preises durch den Senat der Hansestadt Hamburg an die Künstlerin Hilde Leiss im Jahr 2001:

Galerieausstellungen bei Hilde Leiss sind ein Fest für die Sinne. Schon Wochen vorher mischt sich bei ihrer Initiatorin enthusiastische Vorfreude mit fieberhaften Arbeitseifer, denn wie immer sind 'wunderbare Stücke' dabei und wie fast immer ist die verbleibende Zeit 'eigentlich zu kurz'. Und doch, am Abend der Eröffnung erstrahlen die hohen Hallen der Galerie, und die Galeristin und ihre Mitarbeiter/innen präsentieren stolz die kunstvoll arrangierten Vitrinen und Auslagen. Im Hintergrund spielt Musik, es wird Champagner gereicht, und allmählich füllen sich die Räume mit Schmuck und Kunstliebhabern, befreundeten Künstlern und Sammlern. Ein kundiger Redner führt in die Thematik der Ausstellung ein, und den weiteren Abend verbringen die Besucher mit dem Betrachten und Probieren der Exponate, bei Gespräch und kulinarischen Köstlichkeiten.

im Jahr 1981 bezog Hilde Leiss ein Atelier im gerade gegründeten ' Haus des Handwerks ' in der Koppel 66, in Hamburg. Neun Jahre später vergrößerte sie ihre Galerie und zog an den Großen Burstah 38 in ein historisches Gebäude in Rathausnähe. In über 40 Sonderausstellungen hat sie seither dem Hamburger Publikum Schmuck und Handwerkskunst in lustvoller Weise nahe gebracht: Ein Eröffnungshappening, wie das anläßich der Ausstellung "Kopfschmuck" ( 1985 ), bei dem eßare Hutobjekte von Bärbel Speck-Schifferer verspeist wurden, ist sicher noch manch einem im Gedächtnis geblieben.

Kontraste bestimmen die Inhalte ihrer Galerietätigkeit. Der Blick auf das Andere, ein anderes Material, ein anderes Land oder eine andere Künstlerposition, ist zugleich Antrieb und Motor für die Galeristin, die leidenschaftlich gern reist und deren erklärtes Ziel es ist, 'Schmuck zu zeigen, den man in Hamburg noch nicht gesehen hat'. Zeichnet sich ihr eigener Schmuck vor allem durch kostbare Materialien und Formstrenge aus, so bietet ihr die Ausstellungstätigkeit auch Raum für das Experimentelle und Ephemere. Mit einem sicheren Gespür für Material und Qualität trifft Hilde Leiss ihre Auswahl. Das Neue und Überraschende, die gelungene Idee und ihre angemessene Umsetzung - auch in einem weniger kostbaren und dauerhaften Werkstoff als Gold und Silber begeistern sie und führen zu einem erweiterten Schmuckbegriff. In diesem Sinne bilded die Galeriearbeit einen Gegenpol zu ihrem eigenen konzentrierten Schaffen.

Die Ausstellung " Jewellery Redefined - 1st International Exhibition of Multi-Media Non- Precious Jewellery ", die 1983 noch in den Räumlichkeiten der Koppel stattfand , war in dieser Hinsicht richtungsweisend. Die umfangreiche Sonderschau, eine Übernahme vom British Crafts Centre in London, präsentierte einen Querschnitt durch die internationale Avantgarde, die mit neuen Konzepten und " wertlosen " Materialien, wie Papier, Kunststoff, Textilfasern und Stahl, das traditionelle Schmuckverständnis in Frage stellte und sich zwischen Minimalismus, Körperkunst und Performance bewegte. Die Teilnehmerliste der über 80 Künstler liest sich wie ein ' Who-is-who ' der modernen Schmuckkunst, unter ihnen Emmy van Leersum, Gijs Backer, Herman Hermsen, Susana Heron, Caroline Broadhead, Wendy Ramshaw, David Watkins, Otto Künzli und Marjorie Schick. Vor allem England und Holland waren tonangebend in der neuen Bewegung, und in den folgenden Jahren stellte die Galeristin noch mehrfach Künstler beider Länder vor.

Im Jahr 1987 zeigte Hilde Leiss erstmals Schmuckobjekte der holländischen Designerin Nel Linssen, die aus gefaltetem und geschnittenem farbigen Papier Armbänder und Halsschmuck von erstaunlichen Raum- und Farbwirkungen fertigt. Durch die Reihung einzelner Elemente und flexible Verbindungen schafft sie ein harmonisches Gefüge, das sich durch abstrakte Schönheit auszeichnet und sich zugleich angenehm tragen läß, Eigenschaften, die von Hilde Leiss überaus geschätzt werden. Später rückte sie die angesehene Papierkünstlerin ins Zentrum zweier weiterer Ausstellungen, so auch 1997 in einer überzeugenden Gegenüberstellung mit dem Goldschmuck des japanischen Altmeisters Yasuki Hiramatsu, der dem kostbaren Material die Anmutung von hauchdünnen, zerknittertem Papier verleiht. Mit einer Sonderschau zum Thema " Papierschmuck " im vergangenen Jahr verlieh Hilde Leiss der Jahresmesse im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg ein elegantees Entree. Neben aktuellen Arbeiten von Nel Linssen waren u.a. die floralen Entwürfe von Hilde Janich und die poetischen Objekte der Finnin Janna Syvänoya zu sehen.

Auch der Spanier Ramón Puig Cuyàs war mehrfach in der Galerie Hilde Leiss vertreten. Zunächst in der Gruppenausstellung ' 10 Goldschmiede aus Barcelona ' ( 1987 ) sowie drei Jahre später in einer Einzelpräsentation. Seine grafisch anmutenden Broschen aus Silber in Kombination mit Stahl, Acryl uns Acrylfarben thematisierten seinerzeit das Meer, seine Mythen und Symbole. Seit 1977 unterrichtet er an der Escola Massana in Barcelona und ist einer der herausragenden Schmuckkünstlers Spaniens. Inzwischen sind seine Broschen noch farbiger und ausdrucksstärker geworden, doch noch immer lehnt er den Prunk des Kostbaren ab und verwended für seine jüngeren Kompositionen Fundstücke aus dem Meer.

Die ' Paduaner Schule ' hingegen ist ein Synonym für den unvergleichlichen Glanz des Goldes, perfekte Materialbeherrschung und Eleganz. Ihrem jüngsten Repräsentanten, Alberto Zorzi, widmete Hilde Leiss die Ausstellung ' Hauptsache italienisch '. Erst im vergangenen Jahr stellte sie erneut zwei junge Goldschmiede aus Padua vor: das Künstlerpaar Jacqueline Ryan and Giovanni Corvaja. Während Ryans kleinteilige Schmuckobjekte das Vorbild der Natur noch erkennen lassen, scheint Corvajas Blick in die mikroskopische Tiefe zu gehen. Feinste Goldfäden und Granulationskügelchen verleihen dem Metall textile Qualitäten. Mal scheint es sich in duftiger Leichtigkeit aufzulösen, dann wiederum verdichtet es sich zu abstrakt-geometrischen Strukturen. Bis zu drei Monaten arbeitet Giovanni Corvaja in ununterbrochener Klausur an einem solchen Stück. ' Ich könnte das nicht ', gibt Hilde Leiss lachend und anerkennend zu.

Bei allem internationalen Flair, das Hilde Leiss in die Hansestadt trug, hat sie nie die heimischen Talente aus den Augen verloren. Viele jungen Künstler gaben ihr Debut in der Hamburger Galerie und wurden von ihr gefördert. Das gilt auch in Hinblick auf andere Gewerke. Denn von Anfang an gehört eine erlesene Auswahl an Keramik, Holz- und Glasobjekten, Textilien und Silbergerät zum Galerierepertoire. So hat Hilde Leiss beispielsweise die Keramikerinnen Elke Martens und Brigitte Mork in ihrem künstlerischen Schaffen jahrelang begleitet, ebenso wie den tschechischen Glaskünstler Jan Adam.

Leicht finden sich hier dieselben hohen Ansprüche, die die Goldschmiedemeisterin auch an ihre eigene Arbeit stellt, wieder: perfekte Beherrschung des Werkstoffs und Sensibilität für die ihm innewohnenden Eigenschaften sowie Ausdruckskraft und Harmonie im Entwurf. Ausgehend von Gebrauchsformen, wie Schale, Dose oder Kanne, entstehen auf diese Weise Objekte von skulpturalem Charakter und in sich ruhender Selbstverständlichkeit. In diesen Punkten lassen sie sich durchaus vergleichen: die virtuosen Holzschalen von Ernst Gamperl, die voluminösen Raku-Gefäße von Martin Mindermann und die " Visual Pots " von Martin McWilliam, die in einem illusionistischen Verwirrspiel zwischen Fläche und Körper oszillieren, nicht zu vergessen die architektonischen Silberkannen von Jan Wege und die massiven Granitskulpturen von Petr Kavan. In einem quasi materialästhetischen Kontrapost hat Hilde Leiss diese Objekte gern ungewöhnlichem Schmuck gegenübergestellt, etwa den Edelstahlbroschen von Eva Eisler oder den Colliers aus recycletem Kunststoff von Brigitte Turba. Auf diese Weise hat sie immer wieder neue Wege beschritten und aktuelle Tendenzen aufgezeigt.

Aus ihrer jahrelangen Galerietätigkeit und dem Kontakt mit Künstlern und Kunden sind zahlreiche Freundschaften erwachsen. Ihr großügiges Wesen, ihre Herzlichkeit und Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, sind ein offenes Geheimnis. Ebenso wie die Tatsache, daß Hilde Leiss nicht nur eine ausgezeichnete Goldschmiedin und Geschäftsfrau, sondern auch eine hingebungsvolle Köchin und Gastgeberin ist, Für sie ist ein schönes Essen, das Zusammenstellen des Menues, das Zubereiten und Genießen unter Freunden ein sinnliches Erlebnis, dem Schmuckmachen gar nicht unähnlich - nur leider allzu vergänglich. daher viel ihr der Wechsel von der Kochkunst zum Goldschmieden seinerzeit auch nicht schwer. Zum Glück, wie sie selbst sagt. Das Ephemere und das Unvergängliche, das Experimentelle und das beständige, diese Gegensätze vereint Hilde Leiss mühelos.

Anmerkung: das Foto ist von Mr. Roland Lakis, Master Photographer/ Portraitist, Riga